«Gender Fatigue» – Haben wir wirklich schon genug getan für die Gleichstellung?
Die Gleichstellung der Geschlechter beschäftigt Politik, Wirtschaft und Gesellschaft seit Jahrzehnten. Vieles wurde erreicht: rechtliche Gleichstellung, bessere Vereinbarkeit, mehr Sichtbarkeit von Frauen. Gleichzeitig wird der Diskurs zunehmend von einer gewissen Ermüdung begleitet – oft bezeichnet als «Gender Fatigue».
Fragen wie «Reicht es jetzt nicht langsam?», «Werden Männer mittlerweile benachteiligt?» oder «Haben Frauen nicht bekommen, was sie wollten?» tauchen immer häufiger auf.
Diese Fragen sind verständlich – aber sie greifen zu kurz.
Gleichstellung ist kein Zustand, sondern ein Prozess
Trotz aller Fortschritte zeigen Zahlen und Erfahrungen aus der Praxis deutlich:
Frauen sind weiterhin unterrepräsentiert in Führungspositionen, verdienen im Durchschnitt weniger als Männer und tragen nach wie vor den Hauptteil der unbezahlten Care-Arbeit. Gerade im heutigen Umfeld des akuten Fachkräftemangels können es sich Unternehmen nicht leisten, dieses Potenzial ungenutzt zu lassen.
Gleichstellung ist daher kein „abgeschlossenes Projekt“, sondern ein kontinuierlicher Entwicklungsprozess, der sich an neue Arbeitsrealitäten anpassen muss.
Was bedeutet das konkret für Unternehmen?
1. Förderung von Karrieremöglichkeiten: Unternehmen müssen sicherstellen, dass Frauen die gleichen Chancen haben, in Führungspositionen aufzusteigen. Dies erfordert gezielte Förderprogramme, Mentoring und Coaching für Frauen, um ihre Fähigkeiten und ihr Potenzial zu entwickeln. Karriereentwicklung und Aufstiegsmöglichkeiten müssen auch im Teilzeitpensum möglich sein.
2. Lohnanpassungen: Frauen verdienen z.T. immer noch weniger als Männer für die gleiche Arbeit. Unternehmen müssen also ihre Lohnstrukturen überprüfen und sicherstellen, dass sie fair und transparent sind. Dies beinhaltet auch die Förderung von Verhandlungskompetenzen bei Frauen, damit sie gerechte Gehälter aushandeln können. Darüber hinaus sollten auch andere Vergütungsaspekte wie Boni und Sozialleistungen auf mögliche geschlechtsspezifische Unterschiede untersucht werden.
3. Flexible Arbeitsmodelle: Die Förderung von flexiblen Arbeitsmodellen kann Frauen - und Männern - helfen, Familie und Beruf besser zu vereinbaren. Homeoffice, Teilzeitarbeit oder flexible Arbeitszeiten ermöglichen es Frauen, ihre Karriere voranzutreiben, ohne auf die Bedürfnisse ihrer Familie verzichten zu müssen. Unternehmen sollten eine Kultur der Flexibilität und der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben fördern, indem sie flexible Arbeitsmodelle aktiv unterstützen.
4. Chancengleichheit bei der Einstellung und Beförderung: Rekrutierungsprozesse müssen überprüft werden, um sicherzustellen, dass Frauen gleiche Chancen haben, eingestellt zu werden und Beförderungen zu erhalten. Dies erfordert die Überwindung von Vorurteilen und stereotypen Denkmustern sowie die Implementierung von fairen und transparenten Auswahlverfahren. Bei den Beförderungen sollte der Fokus auf den Fähigkeiten und Leistungen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern liegen, unabhängig vom Geschlecht. Mitarbeitende werden heute immer noch viel zu häufig nicht aufgrund von Leistung sondrn aufgrund ihrer Präsenz befördert.
5. Veränderung der Unternehmenskultur: Eine inklusive und diverse Unternehmenskultur ist entscheidend, um Frauen zu unterstützen und zu fördern. Unternehmen sollten eine Umgebung schaffen, in der Frauen sich sicher, wertgeschätzt und gleichberechtigt fühlen. Diskriminierung und sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz müssen aktiv bekämpft werden. Eine Unternehmenskultur, die auf Offenheit, Respekt und Gleichberechtigung basiert, schafft ein positives Arbeitsumfeld für alle Mitarbeitenden.
Diese Massnahmen tragen nicht nur zur Gleichstellung bei, sondern steigern auch die Arbeitgeberattraktivität. Unternehmen, die sich für Geschlechtergleichstellung einsetzen, ziehen oft talentierte Frauen an, die ihre Karriere vorantreiben möchten. Eine vielfältige Belegschaft führt in der Regel zu Innovation, Kreativität und somit zu besseren Geschäftsergebnissen.
Es ist wichtig zu betonen, dass Gleichstellung keine Frage der Frauen allein ist. Unternehmen, Regierungen und die Gesellschaft insgesamt müssen sich gemeinsam für Veränderungen einsetzen. Nur wenn wir weiterhin Massnahmen ergreifen und uns aktiv für die Gleichstellung einsetzen, können wir eine gerechte und inklusive Zukunft für alle schaffen. Gender Fatigue sollte kein Hindernis sein, sondern vielmehr ein Ansporn, weiterhin für Gleichstellung einzustehen.
