50% wollen einen anderen Job – suchen aber nicht: Wie wir dieses Potenzial sichtbar machen
Erste Ergebnisse unserer laufenden Marktstudie geben direkte Einblicke in ein Muster, das wir aus dem Alltag kennen:
Jede zweite Frau wünscht sich einen anderen Job – ist aber nicht aktiv auf der Suche.
Diese Zahl ist auf den ersten Blick überraschend. Auf den zweiten leider überhaupt nicht.
Denn sie macht sichtbar, was in vielen Unternehmen, Lebensläufen und Alltagen längst Realität ist: Es gibt ein enormes berufliches Potenzial, das nicht fehlt – sondern still geworden ist. Nicht, weil diese Frauen keine Ambitionen hätten. Nicht, weil sie nichts könnten. Sondern weil zwischen Wunsch und Handlung oft eine unsichtbare Lücke liegt.
Der Wunsch ist da – warum also keine Bewegung?
Wenn eine Frau unzufrieden ist und sich einen anderen Job wünscht, wäre die logische Annahme: Dann bewirbt sie sich. Dann aktualisiert sie ihr LinkedIn-Profil. Dann geht sie aktiv in den Markt.
Doch genau so einfach ist es oft nicht.
Zwischen dem Gedanken „So wie es ist, passt es nicht mehr“ und dem Schritt „Ich gehe jetzt los“ liegen häufig zahlreiche innere und äussere Hürden:
Unsicherheit, Selbstzweifel, Zeitmangel, mentale Überlastung, fehlende Orientierung, ein angeschlagenes Selbstvertrauen oder die Frage, ob sich ein Wechsel unter den aktuellen Lebensumständen überhaupt realistisch umsetzen lässt.
Viele Frauen funktionieren im Alltag hervorragend – aber gerade deshalb kommen sie selbst kaum vor. Sie tragen viel, organisieren viel, leisten viel. Der Wunsch nach Veränderung ist da, aber er wird nicht automatisch zur Priorität. Nicht, weil er unwichtig wäre, sondern weil er im Gesamtgefüge des Lebens immer wieder nach hinten rutscht.
Nicht aktiv zu suchen heisst nicht: nicht interessiert zu sein
Das ist ein entscheidender Punkt.
Wer nicht aktiv sucht, ist nicht automatisch desinteressiert. Im Gegenteil: Viele dieser Frauen sind sehr wohl offen für Veränderung. Sie sind nur nicht in einem Modus, in dem sie sich durch Stellenportale klicken, Dutzende Bewerbungen schreiben oder sich dem klassischen Recruiting-Spiel aussetzen wollen.
Das traditionelle Arbeitsmarktverständnis greift hier zu kurz. Es unterscheidet oft nur zwischen zwei Gruppen: aktiv suchend oder nicht verfügbar.
Die Realität ist viel differenzierter.
Dazwischen liegt ein grosses Feld an Frauen, die innerlich längst auf dem Sprung sind, aber noch keinen sicheren, motivierenden oder machbaren Zugang zu ihrem nächsten Schritt gefunden haben. Genau dort liegt ein riesiges Potenzial.
Warum diese Frauen oft unsichtbar bleiben
Viele qualifizierte Frauen werden auf dem Arbeitsmarkt nicht deshalb übersehen, weil sie nicht da wären. Sondern weil die Mechanismen, mit denen Unternehmen Talente finden, auf Sichtbarkeit im alten Sinn ausgerichtet sind.
Sichtbar ist, wer laut auftritt.
Sichtbar ist, wer lückenlos verfügbar wirkt.
Sichtbar ist, wer sich aktiv bewirbt.
Sichtbar ist, wer lineare Karriere-Signale sendet.
Doch viele Frauen mit grossem Potenzial senden genau diese Signale nicht – zumindest nicht permanent. Vielleicht, weil sie nach einer Familienphase noch nicht wieder voll im beruflichen Selbstverständnis angekommen sind. Vielleicht, weil sie zwar Veränderung wollen, aber nicht um jeden Preis. Vielleicht, weil sie sich nicht in jedem Inserat wiederfinden. Vielleicht auch, weil sie sich selbst nicht mehr mit derselben Sicherheit lesen wie früher.
Das Resultat: Potenzial bleibt im Verborgenen, obwohl es längst da ist.
Was Frauen brauchen, um aktiv zu werden
Wenn wir wollen, dass mehr Frauen den nächsten beruflichen Schritt tatsächlich gehen, reicht es nicht, ihnen einfach zu sagen: „Dann bewirb dich halt.“
Was es braucht, ist ein realistischerer Blick auf Veränderung.
Frauen werden aktiv, wenn sie:
Klarheit über ihre Stärken, ihre Richtung und ihre Möglichkeiten gewinnen.
Sprache dafür finden, was sie können und was sie wollen.
Mut zurückgewinnen, sich wieder als relevant und wirksam zu erleben.
Perspektiven sehen, die zu ihrer Lebensrealität passen.
Ermutigung erhalten, ohne sich verbiegen zu müssen.
Angebote sehen, die nicht abschrecken, sondern anschlussfähig wirken.
Oft beginnt Aktivität nicht mit einem Bewerbungsprozess, sondern mit einem Perspektivenwechsel: weg vom Gefühl, festzustecken – hin zur Erkenntnis, dass der nächste Schritt möglich ist.
Wie wir dieses Potenzial sichtbar machen können
Genau hier braucht es neue Wege. Nicht nur von Frauen selbst, sondern auch von Plattformen, Netzwerken und Unternehmen.
1. Potenzial anders lesen
Nicht nur die aktiv Suchenden sind relevant. Auch die Zögernden, die Abwartenden, die innerlich Wechselbereiten gehören in den Blick. Wer nur auf jene schaut, die laut im Markt sind, verpasst einen grossen Teil der Substanz.
2. Niederschwellige Zugänge schaffen
Viele Frauen steigen nicht mit einer klassischen Bewerbung ein, sondern mit einem Gespräch, einer Standortbestimmung, einem Sparring oder einer ersten externen Resonanz. Solche Formate senken die Hürde und machen Bewegung wahrscheinlicher.
3. Sichtbarkeit neu definieren
Sichtbarkeit heisst nicht nur Selbstvermarktung. Sichtbarkeit kann auch heissen: Kompetenzen übersetzen, Profile schärfen, Stärken benennen, Entwicklungspotenzial erkennbar machen. Gerade Frauen mit Brüchen oder Unterbrüchen brauchen oft nicht mehr Qualifikation, sondern eine neue Lesart ihrer Erfahrung.
4. Rollen glaubwürdiger gestalten
Viele Frauen werden nicht aktiv, weil sie das Gefühl haben, dass die angebotenen Jobs an ihrer Lebensrealität vorbeigehen. Wer nur Rollen kommuniziert, die nach permanenter Verfügbarkeit, maximaler Härte und voller Anpassung klingen, schreckt genau jene ab, die eigentlich sehr viel mitbringen würden.
5. Den ersten Schritt kleiner machen
Nicht jede Veränderung beginnt mit dem perfekten Masterplan. Oft reicht zuerst ein Gespräch, ein aktualisiertes Profil, ein klareres Zielbild oder die Erkenntnis: Ich darf mich überhaupt wieder in Bewegung setzen.
Was Unternehmen daraus lernen sollten
Für Unternehmen ist dieses Umfrage-Resultat eine klare Botschaft: Der Talentmarkt besteht nicht nur aus aktiv Suchenden.
Ein grosser Teil des Potenzials sitzt bei Frauen, die offen wären – wenn der Zugang klüger wäre. Wenn Rollen realistischer gedacht würden. Wenn Karriere nicht nur nach Sichtbarkeit, Tempo und Präsenz bewertet würde. Wenn man Potenzial nicht erst dann erkennt, wenn es laut anklopft.
Unternehmen, die wirklich Talente gewinnen wollen, müssen aufhören, nur auf aktive Bewerbungen zu warten. Sie müssen lernen, verborgene Wechselbereitschaft zu erkennen und zugänglicher zu werden für jene, die nicht mit der klassischen Bewerberlogik unterwegs sind.
Unsere Überzeugung bei Hypatia
Wir glauben: Diese 50% sind kein Randphänomen. Sie sind ein Signal.
Ein Signal dafür, dass sehr viele Frauen beruflich mehr wollen, als sie aktuell leben.
Ein Signal dafür, dass Potenzial nicht fehlt, sondern zu oft unadressiert bleibt.
Und ein Signal dafür, dass wir Karriere, Sichtbarkeit und Aktivierung neu denken müssen.
Denn die Frage ist nicht nur, warum diese Frauen nicht aktiv sind.
Die wichtigere Frage ist: Was braucht es, damit sie es werden können?
Genau dort beginnt Veränderung.
Und genau dort liegt eine der grössten Chancen für die Arbeitswelt von morgen.
